Vergangenheitsbewältigung und ihre Folgen für
die Gegenwartsbewältigung
Referat von Dr. Sigi Feigel, Anwalt
Sehr geehrte Damen und Herren
USD 600 Millionen, so hoch war das Angebot vor wenigen Wochen, doppelt so
hoch, USD 1,25 Milliarden ist die Summe, auf die sich die direkt betroffenen
Grossbanken mit allen Gegenparteien im Sinne einer globalen Lösung geeinigt
haben. Auch ein schlechter Vergleich sei, so sagen wir Anwälte, besser als
ein langer Prozess mit ungewissem Ausgang.
Die Frage, die sich hier nun stellt ist diejenige, ob es sich um einen
Vergleich oder eine Kapitulation handelt.
Glücklich bin ich eigentlich nur für die Opfer, d.h. auch hier nur dann,
wenn die bezahlten Beträge nicht grossteils bei den Anwälten und bei den
jüdischen Organisationen hängen bleiben, sondern sozusagen 100%ig den
Opfern zugute kommen. Man kann es mir wohl nicht verdenken, wenn ich
diesbezüglich aufgrund der Erfahrungen betreffend Auszahlungen des
Holocaustfonds, meine Bedenken anmelde. Man spricht von Globallösung.
Zurück von meiner kurzen Amerikareise und den dort geführten Gesprächen
fragte ich mich, wie denn Überhaupt nach dem amerikanischen Rechtssystem
eine Globallösung möglich ist. Wer kann irgendeinen Anwalt oder irgendeine
Institution daran hindern, erneut gegen die Schweiz vorzugehen. Forderungen
zu stellen, wenn keine diesbezügliche gesetzliche Regelung getroffen worden
ist. Eine gesetzliche Regelung, die wahrscheinlich nach dem amerikanischen
Rechtssystem überhaupt nicht getroffen werden kann. Auch hier hoffe ich, dass
die Vertreter der Banken die nötigen Sicherheiten eingebaut haben und zweifle
daran, ob diese neuen Angriffen gegenüber standhalten würden.
Der Wirtschaftskrieg ist vermieden - Gott sei Dank - die Banken können aufatmen,
der "Sharholder Value" ist gesichert und 1,25 Milliarden USD sind wohl im
Amerikageschäft innerhalb kurzer Zeit wieder zurückverdient. Ein möglicherweise
jahrelang dauernder Wirtschaftskrieg, mit unendlich viel grösseren Schäden
und dies zwischen durch ihre freiheitlichen Traditionen aufs Engste
freundschaftlich verbundener Staaten, der natürlich vor allem die Schweiz in
möglicherweise allen Sektoren betroffen hätte, ist vermieden. So weit, so gut.
Politisch aber hat sich die Schweiz nach aussen - und dafür kann man für
einmal die Amerikaner nicht verantwortlich machen - mangels innerschweizerischer
Solidarität als erpressbar gezeigt. Seit Monaten, ja Jahren, hat auch der
Unterzeichnete verlangt, dass sich alle, sowohl die direkt als auch die
möglicherweise indirekt betroffenen Kreise an einen runden Tisch setzen,
um eine gemeinsame Strategie auszuarbeiten. Unverständlich schon deswegen,
weil doch die minimalsten Voraussetzungen gegeben waren, nämlich die mit
dem Einverständnis der Gegenparteien eingesetzten Kommissionen Volcker und
Bergier. Deren Ergebnisse sind in kurzer Zeit zu erwarten, jedenfalls
Teilergebnisse die Grundlage einer gemeinsamen Strategie hätte bilden können.
Eigentlich überhaupt unverständlich, dass man sich nach Einzahlung der
275 Millionen CHF in den Holocaustfonds, vor Vorliegen von diesen Berichten,
auf weitere Verhandlungen eingelassen hat.
Die innenpolitischen Folgen sind schwer voraussehbar. Ich kann hier zunächst nur
über meine persönlichen Gefühle sprechen, die vielleicht von Vielen geteilt
werden. Sicher, ich muss es noch einmal betonen, für die Opfer, die mir natürlich
näher stehen als einem Durchschnittsschweizer nichtjüdischer Provenienz, bin ich
glücklich, wenn wie oben gesagt, die Gelder effizient in die richtigen Hände
gelangen. Trotzdem aber fühle ich mich persönlich beschämt und gedemütigt, dass
diese Art ultimativ gestellter überrissener Forderungen, begleitet von teilweise
beleidigenden und haltlosen Anschuldigungen, schlussendlich für die Gegenseite
doch zu einem beachtlichen Erfolg geführt hat. Ob diese Organisationen diesen
Erfolg mit Würde, Serenität und im Interesse der Opfer "verdauen" werden, das
wird die Zukunft zeigen, ich kann es nur hoffen.
Was im übrigen die Solidaritätsstiftung betrifft, muss der Weltöffentlichkeit
klar gemacht werden, dass dieser Deal der Grossbanken die Vergangenheitsbewältigung
betrifft. Die Solidaritätsstiftung aber ist Teil der "Zukunftsbewältigung". Nichts
deutlicher als ein machtvolles Bekenntnis zur Stiftung solidarische Schweiz kann
beweisen, dass die Vergangenheit im Herzen unseres Volkes wirklich bewältigt ist.
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